Firma: Grafik, Bork, uvm.
Adresse: 6005 Luzern
Datum: 

︎ Visuelle Kommunikation
︎ Bork
︎ Hain




















2. Der Forschungsstand



Projekt + Ausstellung Bork (2020 – 2022)
im Rahmen des Kulturprojektes «Innereien» der Albert Koechlin Stiftung

Die Ausstellung Bork zeigt Objets trouvés aus dem Wald: Äste, Rinden und weitere Baumteile, die von Käferspuren durchzogen sind. Ziel der Sammlung und Dokumentation derselben ist die Entschlüsselung der fiktiven Sprache Bork. Das Projekt ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem menschlichen (Miss-)Verständnis der Natur und dem gleichzeitigen Wunsch, alles verstehen zu wollen.

Einer der intensivsten Schreiber: der Borkenkäfer. Für einen naturbelassenen Wald ist der Borkenkäfer ein wichtiger Aufräumer. Er lässt alte, geschwächte Bäume absterben, um wieder Platz und Licht für junge Bäume zu schaffen. Das Totholz dient als wichtiger Nährstoff für Insekten und Boden. Monokulturen in der Forstwirtschaft sowie durch den Klimawandel verursachte milde Wintermonate und lange Trockenphasen führen dazu, dass die Wälder geschwächt sind und der Borkenkäfer in kurzer Zeit grosse Baumbestände besiedeln kann.
Um jedoch einem weiteren Befall entgegenzuwirken, werden jedoch die grössten Teile des Holzes aus dem Wald entfernt und somit ein natürlicher Kreislauf abgebrochen. In den vergangenen Jahrhunderten und noch heute führt das starke Ausräumen der Wälder dazu, dass viele der unzähligen Totholzkäfer ihren ans Holz gebundene Lebensraum verlieren. Von den sich auf der roten Liste befindenden 256 Totholzkäferarten der Schweiz ist jede achte Art vom Aussterben bedroht.
Gleichzeitig spricht der Mensch bei vielen der Käfer von Schädlingen, von einer Bedrohung für die Forstwirschaft. Dabei sind die meisten Käfer in den Schweizer Wäldern unverzichtbare Elemente für das Gleichgewicht des Ökosystems Wald. Die eigenen, meistens ökonomischen Interessen des Menschen lassen die Käfer zu Schädlingen werden und ihre Lebensweise zur Zerstörung.


All diese Käfer sind jedoch ein kleiner Teil, ein kleines und dennoch bedeutsames Rädchen im grossen Kreislauf der Natur. Bork soll mit dem (Um-)Weg über die ausgestellten Rinden und Äste mit ihren fiktiven Schriftzeichen visuell ansprechend diese uns teils unsichtbaren Prozesse sichtbar machen, zum Nachdenken anregen und parallel auch auf die Problematiken der Monokulturen in der Forstwirtschaft und des Einflusses des menschlichen Tuns auf die Kreisläufe im Wald aufmerksam machen.

Von den für die Ausstellung in der Zentral- und Hochschulbibliothek gesammelten Zeichen werden in einer ersten Entschlüsselungsphase 144 Astschriften analysiert. Dabei konzentrierte sich die Sammlung und Auswahl auf Zeichen im Splintholz dünner Äste, von welchen die meisten in Waldgebieten gesammelt worden sind, in denen die Baumbestände nach Sturm und/oder Borkenkäferbefall abgestorben und abgeholzt wurden.
Viele der Käferspuren erinnern an Zeichen, Runen, Hieroglyphen, niedergeschriebene Geschichten von Fabelwesen, geheimnisvolle Zaubersprüche. Nicole Brugger zeichnet prägnante Zeichen und Formen ab, vergleicht, versucht Muster und Wiederholungen zu finden um die Sprache der Käfer verstehen zu lernen. Auch wenn klar ist, dass eine Entschlüsselung dieser fiktiven Schreibsprachen nicht möglich ist, bleibt es das fingierte Ziel des Projektes. Der Mensch scheitert an seinem Bedürfnis, alles verstehen zu wollen. Gleichzeitig bleibt die Suche nach Kunst und Grafik in der Natur und die endlose Sammlung scheinbar wertloser Objekte, welcher nur durch den Kontext eine Bedeutung im menschlichen Sinn zugesprochen wird.



In der ersten Bork-Entschlüsselung sind zwei Schriftarten stark vertreten: die Schriftwerke des Anthaxia quadripunctata, ein Käfer der Prachtkäferfamilie sowie der Molorchus minor aus der Familie der Bockkäfer.  

© https://www.insects.ch/art/anthaxia-quadripunctata
© https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Molorchus_minor_bl.jpg


Bei beiden Käferarten werden die befruchteten Eier von der Mutter unter die Rinde gelegt. Die Larven schlüpfen unter der Rinde und schreiben während ihrer Entwicklung, welche ein bis zwei, beim Prachtkäfer zwei bis vier Jahre dauert durch das Holz, das sie bewohnen. Dies kann ein abgefallener Ast sein, Stämme junger Bäume oder kränkelnder Bäume. Durch ihre Konzentration auf Nadelholz als Beschreibstoff, finden sich ihre Schriften in einer Vielzahl auf frischen Lichtungen in Fichten-Monokulturen oder in Sturmgebieten. Die dabei enstehenden, scharf ins Splintholz eingekerbten Spuren beschreiben den gesamte Lebenszeit der Larve. Die Zeichenvielfalt der beiden Schreibkäfer scheint unendlich, sie ähneln sich jedoch gegenseitig in Symoblik und Formsprache.
Zur Verpuppung bohren die Larven ein Loch ins Holz, worin sie eine Puppenwiege anlegen, darin überwintern und als erwachsener Käfer ihr Geburtsholz zum ersten und letzen Mal verlassen – die anschliessende Lebenszeit als Käfer dauert nur wenige Wochen. Die ausgewachsenen Anthaxia quadripunctata findet man auf gelben , die Molorchus minor auf weissen Blüten und beide ernähren sich von Pollen.
Die Käfer zählen zur Gruppe der Totholzkäfer:  Der Gruppe von Käfern, die in ihrer Lebensweise an das Holz gebunden sind und ohne das Holz nicht überleben können. Sie nutzen das Holz oder die darin enthalteten Pilze als Nahrungsquelle, das Holz alter Bäume ist ihr einziger Lebensraum oder sie ernähren sich von anderen Totholzinsekten. Sie gehören zu den Wäldern wie die Bäume, und diese und  deren Holz sind für ihr fortbestehen essenziell. Totholzkäfer sind für den Wald unverzichtbar.



Die 144 erfassten Astschriften der 1. Bork-Forschungsphase
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